Eine Nacht in der Seilbahngondel

Eine Nacht in einer Seilbahnkabine zu verbringen, klingt eher nach Notfall, als nach touristischem Angebot. Tatsächlich ist die «Tiny House Gondel» eine mobile Ferienunterkunft, die auf grosses Interesse stösst. Noch steht sie auf dem Piz Nair, die Übernachtungen sind da aber längst ausgebucht. Denkbar sind laut dem Betreiberpaar noch exklusivere Standorte.

Valeria Mella und ihr Ehemann Adi Rüedi bezeichnen sich selber als Reise- Food- und Lifestyle Blogger, Content Creators und Online-Shop-Betreiber. Klar ist, sie wissen, wie man sich und seine Inhalte online in Szene setzt. Wenn sie sich ein Projekt vornehmen, dann muss es nicht nur Aufsehen erregen, sondern auch gut aussehen. Schon das schwimmende Glas-Bungalow, das sie auf dem Partnunsee im Prättigau realisierten, generierte den Mix aus Style, Hightech und Bergwelt, der das Auge fängt und Clicks verursacht.

Die «Tiny House Gondel» führt das Konzept in aller Konsequenz fort. Es braucht natürlich schon mal einiges an Mut, eine ausrangierte Kabine der Engelberger Brunni-Seilbahn zu kaufen, und sie in Eigenregie – unterstützt von Profi-Handwerkern – in ein Tiny House umzubauen. «Die Tiny-House-Bewegung fasziniert uns schon seit Jahren. Wir wollten etwas machen, das es in der Art noch nicht gibt», erklärt Valeria.

Genügsamkeit oder Spektakel?

Das Tiny House Movement propagiert eine genügsame Lebensweise auf reduzierter Wohnfläche. Ökologie, tiefe Wohnkosten und «Weniger ist mehr»-Attitüde sind die meistgenannten Beweggründe in einem Mini-Haus zu wohnen. Valeria und Adi hatten nie vor, in ihrer Gondel zu wohnen, sondern einfach gelegentlich eine Nacht an einem exklusiven Ort zu verbringen, und sie sonst an Gäste zu vermieten. Anders wäre der aufwändige Ausbau wohl nicht zu finanzieren gewesen, auch wenn einiges an Material und Arbeit gesponsort gewesen sein dürfte. Gegenüber dem Blick schätzte Valeria Mella den Wert der Gondel auf über 100’000 Franken. «Klar, dass wir das wieder einbringen möchten», erklärt Valeria gegenüber Ride und fügt an: «Die Gondel gehört auch zu unserem Business.»

Wie viel Schweiss und Herzblut in die Wohnkabine geflossen ist, ist auf den Youtube-Videos unschwer zu erkennen, Adi sprüht zwar vor Begeisterung über seine Ideen und deren Umsetzung. Zugleich ist ihm die zunehmende Erschöpfung anzusehen, je näher die Fertigstellung rückt. Und wie ein Damokles-Schwert schwebt das Gewichtslimit über dem design-orientierten Ausbau, denn die beiden wollen die Gondel auf dem Anhänger mit ihrem eigenen SUV ziehen können, wofür sie maximal 1700 Kilo wiegen darf. Auch diese Klippe nehmen die Tiny-House-Bauer schliesslich, und es steht der ersten Reise der Gondel nichts mehr im Weg.

Wo steht die Gondel nach dem Piz Nair?

Der Corona-Sommer, während dem die Reisefreudigen ihre Ziele vermehrt in der Schweiz suchten, spielte der Tiny House Gondel sicher in die Hände. Mit der Aussichtsplattform auf dem Piz Nair im Engadin fanden die beiden Betreiber eine spektakuläre erste Station, die nicht zuletzt die Mountainbiker aufhorchen lässt. Innert zehn Stunden waren sämtliche während drei Monaten angebotenen Nächte der Gondel auf dem Piz Nair ausgebucht.

Als Seilbahnkabine funktioniert das rote Ein-Zimmer-Hotel natürlich nicht mehr, weshalb es mit einem Helikopter die letzten knapp 600 Höhenmeter von der Tal- zur Bergstation hinaufgeflogen werden musste. Die erste Nacht gehörte den Besitzern, seither geben sich die Gäste die Klinke in die Hand.

Wo die rote Kabine als nächstes aufgestellt wird, verraten Valeria und Adi noch nicht. Der Ort werde es auf ihrem Blog bekannt gegeben. Valeria betont: «Wie man auf dem Piz Nair gesehen hat, ist alles möglich. Ein Transport mit dem Trailer ganz normal auf der Strasse oder gar mit dem Helikopter auf eine Bergspitze!» Genügsamkeit und Ökologie rangieren offensichtlich weiter hinten auf der Prioritätenliste. Das Erlebnis einer Nacht in der Seilbahngondel schmälert dies natürlich kein bisschen.
 

 

Swiss Sports Publishing GmbH

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