In Lenzerheide feiern jetzt die Italiener – Keller rast aufs Podest

Der Italiener Luca Braidot gewinnt in Lenzerheide erstmals einen Weltcup – der erste italienische Weltcup-Sieg seit 2018. Im Sprint unterliegt ihm Alan Hatherly, Mathias Flückiger wird Dritter. Die Topfavoriten Nino Schurter und Mathias Flückiger nehmen sich bei einem missglückten Überholmanöver kurz vor Schluss gegenseitig aus der Entscheidung. Bei den Frauen siegt Loana Lecomte vor Jenny Rissveds und Alessandra Keller, die zum ersten Mal die Top-3 knackt.

Keller lässt Heimpublikum jubeln

Die Elite-Frauen zeigen ein über weite Strecke spannendes Cross-Country-Rennen. Bereits in der eher verhalten gefahrenen Startrunde setzen sich die üblichen Verdächtigen an der Spitze fest, aus denen sich im Laufe der ersten Runde ein Quintett aus Jenny Rissveds (SWE), Jolanda Neff (SUI), Loana Lecomte (FRA), Alessandra Keller (SUI) und Martina Berta (ITA) absetzt. Genau wie in Leogang sollte der vorentscheidende Angriff dann wieder von Lecomte kommen. Nur Rissveds und Keller können zunächst mitgehen. Bereits zum Ende der ersten Runde fährt das Trio mit fast 30 Sekunden Vorsprung vorne weg.

Diese drei sollen das Frauenfeld mit wechselnder Führungsarbeit für die nächsten drei Runden weiter dominieren, bis der französische Bergfloh im längsten Anstieg der vierten Runde erneut die Entscheidung sucht und sich von Keller und Rissveds absetzt. Trotz der eher kurzen Anstiege in Lenzerheide gelingt es der Weltcup-Gesamtsiegerin von 2021 den Vorsprung auszubauen und letztlich einen ungefährdeten Sieg zu feiern.«Ich bin sehr glücklich. Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht gedacht, dass ich heute gewinnen würde. Es ist das erste Mal, dass ich hier gewinne – ein tolles Wochenende. Ich war ein bisschen müde, habe mich nicht besonders gut gefühlt und habe einfach versucht, ein gutes Rennen zu fahren. Dass ich die Führung in der Gesamtwertung übernommen habe, ist toll, aber wird meine Pläne für die Saison nicht ändern», sagt Loana Lecomte

Im Kampf um Platz zwei muss sich die aufopfernd kämpfende Alessandra Keller im flachen und wurzeligen letzten Streckenabschnitt von Jenny Rissveds geschlagen geben, die ihren Sieg im Short Track mit Platz zwei über die Olympische Distanz krönt. «Es war so anstrengend und hart, aber gut. Ich mag es hier in der Lenzerheide wie jedes Jahr, ja und es war gut!» Und auch Alessandra Keller mag das Rennen in Lenzerheide, wo sie 2018 U23-Weltmeisterin wurde: «Nun, die Atmosphäre und die Leute haben alles für uns gegeben! Es gab so viele, die mir als Schweizermeisterin zujubelten, und ich habe versucht, das aufzunehmen und als zusätzliche Motivation zu nutzen. Ich bin sehr glücklich über meine Leistungen an diesem Wochenende, besonders über meinen dritten Platz heute. Ich meine, das ist meine beste Weltcup-Platzierung bis jetzt und ich freue mich sehr, nächstes Jahr wieder dabei zu sein.»

Doch nicht nur die Entscheidungen im Spitzentrio sind hart umkämpft. Dahinter liefern sich gleich eine ganze Reihe von Topfahrerinnen packende Duelle in wechselnden Konstellationen in den ersten beiden Verfolgergruppen. Das Podium komplettieren schliesslich Pauline Ferrand-Prévot (FRA) und Anne Terpstra (NED), die erst im Zielsprint die Reihenfolge bestimmen. Jolanda Neff landet nach zwischenzeitlich durchwachsener Leistung aber einem starken Finish auf dem sechsten Platz. Weltcupführende Rebecca McConnell (AUS) scheint nach ihrem perfekten Saisonbeginn weiterhin nach ihrer Form zu suchen und muss nach dem 14. Platz auch das Leader Jersey an Loana Lecomte weiterreichen. Linda Indergand fährt vor heimischem Publikum ebenfalls ein solides Rennen und belegt Platz neun, Ramona Forchini fährt  mit Rang elf ihr bisher bestes Weltcup-Resultat im Cross Country ein. Beste Österreicherin ist Mona Mitterwallner auf Rang 13, Leonie Daubermann belegt als beste Deutsche den 28. Platz.

XCO Frauen Ergebnisse Top 5

1.    Loana Lecomte (FRA) 1:17:31
2.    Jenny Rissveds  (SWE) 1:17:39
3.    Alessandra Keller (SUI) 1:17:55
4.    Pauline Ferrand-Prévot (FRA) 1:19.37
5.    Anne Terpstra (NED) 1:19:37

Luca Braidot und Alan Hatherly sprengen Schweizer Party in wahnwitzigem Finish

Von den 113 Fahrern, die in der Herren-Elite über die Olympische Distanz an den Start gehen, steht vor allem Lokalmatador Nino Schurter (SUI) im Fokus, dem vor dem Rennen nur noch ein Sieg zum alleinigen Rekord für die meisten Weltcupsiege fehlt. Und Schurter zeigte gleich von Beginn an, dass er die diesen Rekord zu Hause feiern will und fährt mit hohem Tempo voran. Eine kleine Spitzengruppe aus Schurter, Filippo Colombo (SUI) und Alan Hatherly (RSA) hat eine grössere Gruppe um Mathias Flückiger (SUI) direkt auf den Fersen – die Top 16 trennen weniger als 15 Sekunden.

Im Laufe der zweiten Runde setzt sich in einem engen Rennen schliesslich eine Vierergruppe aus Schurter, Flückiger, Colombo und Hatherly weiter ab, bis der starke Italiener Luca Braidot in Mitte des Rennens dazu stösst und direkt die Führung übernimmt. Durch sein gedrosseltes Tempo kann nun auch der Spanier David Valero Serrano aufschliessen. Gegen Ende der vierten Runde sucht Flückiger die Vorentscheidung und zieht zusammen mit Schurter davon. Während Braidot und Hatherly sich zurückkämpfen, fallen Colombo und Valero Serrano zurück.

Das Drama zum Schluss

Was bis zum Ende der letzten Runde nach einem Schweizer Doppelsieg mit möglichem Rekord Schurters auschaut, entwickelt sich zu einem unglaublichen Drama: Nachdem zunächst Flückiger im letzten, breiten Anstieg in der Tech-Zone an Schurter vorbeigeht, folgte der Konter des Rekordjägers auf dem Fuss. Schurter und Flückiger mit etwas Abstand vor Braidot und Hatherly geht es in das letzte Wurzelstück im Wald, aus dem der Italiener und der Südafrikaner überraschend auf den Plätzen eins und zwei herauskommen und im Zielsprint die Entscheidung erzwingen. Flückiger versucht an einer laut Schurter unmöglichen Stelle zu überholen, sodass die beiden touchieren, stürzen und folglich nicht mehr um den Sieg mitreden können. Schurter ist nach dem Rennen in Rage und brüllt Flückiger an: «Du bist nicht normal – du hast mich voll abgeschossen!» «Das ist Rennenfahren. Wir haben uns mehrmals im gesamten Rennen gegenseitig überholt. Es wurde immer enger zwischen uns nach jedem Überholmanöver. Dann haben wir uns touchiert und sind gestürzt. Es ist nicht schön, das Rennen so zu beenden, aber es ist, wie es ist. Das kann eben im Rennsport passieren», spricht sich Flückiger über den unglücklichen Crash aus. Schurter hingegen ist konsterniert und meint: «Wir wären auf eins und zwei gewesen und ich hätte ziemlich sicher gewonnen. Eine bessere Situation hätte es für meinen Rekord nicht gegeben. Es ist eine schlechte Antwort von ihm, ich kann es nur so interpretieren, dass er die Niederlage von letztem Jahr nicht verkraftet hat und mich deswegen einfach abgeschossen hat. Ich verstehe es wirklich nicht, sowas darf keinesfalls passieren, schon gar nicht vor heimischem Publikum!»

Der lachende Dritte in dieser Geschichte ist also Luca Braidot, der seine starke Leistung mit seinem ersten, wenn auch überraschenden Weltcupsieg krönt. Es ist der erste Weltcup-Sieg eines Italieners seit Gerhard Kerschbaumers Erfolg im Jahr 2018 in Vallnord (AND). Dementsprechend gross ist die Freude bei den italienischen Fans vor Ort. «Das ist magisch. Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich sehe immer noch Nino und Flückiger vorne.  Die beiden sind gestürzt. Wir gingen an ihnen vorbei. Dann blieben noch Hatherly und ich übrig. Ich hatte Schmerzen in meinem Bein und der Sprint war sehr hart. Morgen werde ich vielleicht realisieren, was ich hier erreicht habe», sagt ein bewegter Luca Braidot.

Der Südafrikaner Alan Hatherly verpasst den Sieg zwar um wenige Zentimeter, freut sich aber trotzdem über den zweiten Platz: «Ein wirklich taktisches Rennen war das heute. Nino, Flückiger und Colombo fuhren ein starkes Rennen und versuchten, das Feld zu entzerren und sich abzusetzen. Ich blieb einfach geduldig und selbstbewusst. Es ist wirklich schwer, hier auf dieser Höhe ein hohes Tempo zu halten. Ich bin jedes Mal weiter hinten drangeblieben, um Energie zu sparen. Ich wartete auf den Sprint und erwartete eigentlich einen Vier-Mann-Sprint, aber durch den Crash zwischen Nino und Mathias wurde es ein Zwei-Mann-Sprint zwischen mir und Luca. Ich bin Zweiter, das ist mein bestes Weltcup-Ergebnis auf Olympischer Distanz, und es stehen noch viele weitere Weltcups an, ich kann kaum auf die nächsten warten.»

Auf Platz fünf fährt Filippo Colombo als dritter Schweizer aufs Podium, während auch Thomas Litscher ein sehr gutes Rennen fährt und dieses auf Platz sieben beendet. Vital Albin stellt als 13. erneut seine gute Form unter Beweis und Neo-Elite Joel Roth belegt den guten 20. Rang. Bester Deutscher wird ein starker Luca Schwarzbauer auf Rang neun, Max Foidl (AUT) beendet das Rennen als 29.

XCO Männer Ergebnisse Top 5

1.    Luca Braidot (ITA) 1:17:32
2.    Alan Hatherly (RSA) 1:17:32
3.    Mathias Flückiger (SUI) 1:17:36
4.    Nino Schurter (SUI) 1:17:44
5.    Filippo Colombo (SUI) 1:18:04

Pedersen und Vidaurre Kossmann gewinnen U23-Wettbewerbe

Als ersten des Tages nehmen die U23-Frauen die Olympische Distanz in Angriff, wobei sich schliesslich die Dänin Sofie Pedersen knapp vor der Gesamtweltcupführenden Line Burqier durchsetzt. Starke dritte wird Puck Pieterse (NED), die das letzte Rennen in Leogang gewann. Mit diesem Ergebnis bleibt die junge Französin Line Burqier mit einem souveränen Vorsprung von 145 Punkten an der Spitze der Gesamtwertung, während Sofie Pedersen den zweiten Platz übernimmt und Puck Pieterse auf Platz drei rutscht. Die Schweizerinnen Noëlle Buri und Ronja Blöchlinger fahren stark und belegen die Plätze vier und fünf.
Resultate

Als letzte Fahrer des Tages tragen die U23 Männer ihr Rennen aus, nachdem die meisten Zuschauer sich vom packenden und dramatischen Elite Rennen erholt hatten. Wie bereits in Leogang führt erneut kein Weg am Chilenen Martin Vidaurre Kossmann vorbei, der seine Führung im Gesamtweltcup entsprechend weiter ausbaut. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Carter Woods aus Kanada und Charlie Aldridge aus Grossbritannien. Die beiden Schweizer Dario Lillo und Alexandre Balmer klassieren sich auf den Plätzen sieben und acht.
Resultate

Bike Kingdom Games feiern grosses Mountainbike-Fest mit fast 30.000 Zuschauern

Das grosse Drama ganz zum Schluss tun der hervorragenden Stimmung bei den Bike Kingdom Games keinen Abbruch. Insgesamt finden sich über 27.000 Besucher am Weltcup in Lenzerheide ein, um ihre Helden während des gesamten Wochenendes zu unterstützen. Erwartungsgemäss erreichen die Zuschauerzahlen am Sonntag ihren Höhepunkt, als rund 11'500 Mountainbike-Fans die Schweizer Parade-Disziplin Cross Country live vor Ort verfolgen. OK-Chef Christoph Müller zieht eine entsprechend positive Bilanz: «Grundsätzlich sind wir sehr zufrieden mit dem Wochenende. Wir hatten einen Besucherrekord zu verzeichnen, was nach den Jahren mit Covid sehr schön ist. Sportlich gesehen war es wie immer ein Highlight, von den Short-Track-Rennen am Freitag über Downhill am Samstag und heute am Sonntag die Cross-Country-Rennen. Leider hat es für einen Schweizer Sieg hier am Wochenende nicht gereicht, aber wir hoffen, dass es nächstes Jahr der Fall sein wird. Es ist alles aufgegangen. Wie am ganzen Wochenende hat auch heute das Wetter gestimmt.»

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