«Wir wollen das Mountainbiken weiterbringen – auf eine eigene Art.»

Interview Reto Gurtner, Weisse Arena Laax.

Reto Gurtner, zu interviewen ist, wie an einem Wasserfall eine Flasche zu füllen. Fragt man ihn nach einem Plan, präsentiert er eine ganze Philosophie. Redet man mit ihm über touristische Angebote, erklärt er, was die Menschen im Leben suchen und warum. Nebenbei erklärt er, wie Laax wieder in die Top-Liga der Bike-Destinationen aufsteigen will, der das Gebiet Ende der Neunziger schon einmal angehörte.

Reto Gurtner ist ein Tourismus-Visionär und damit äusserst erfolgreich. Er machte Laax in den Neunzigern zum Snowboard-Mekka, trieb die Digitalisierung voran und realisierte früh erste Mountainbike-Angebote. Doch in diesem Bereich blieb Laax auf halbem Weg stehen.

Laax war um die Jahrtausendwende als Mountain­bike-Destination ein Vorreiter. Warum wurde die Region danach von anderen Destinationen überholt?
Während andere Destinationen noch diskutierten, ob man Biker transportieren soll, haben wir es einfach gemacht. Laax war der richtige Ort dafür. Doch der Widerstand war gross, die Bauern, die Gemeinden, die Hoteliers wollten sie nicht. «Was sollen wir mit diesen Leuten mit den dreckigen Velos? Die geben ja kein Geld aus», hiess es. Es waren die gleichen Plattitüden wie bei den Snowboardern.

Hat Laax einfach mal ausprobiert, ob das Geschäft mit den Mountainbikern funktioniert oder stand eine klare Strategie dahinter?
Ich habe das Mountainbike früh in den USA erlebt und wurde selber zum Biker. In Kalifornien habe ich gesehen, dass es funktioniert und war immer überzeugt, dass es das auch bei uns tut.
 
Gemessen an den Ambitionen hat es in Laax nicht funktioniert.
Wir mussten zuerst die Gemeinden, die Bauern, die Hotellerie hinter uns bringen. Daran arbeiteten wir die letzten fünfzehn Jahre. In dieser Zeit hat uns Lenzerheide überholt, die einen guten Job gemacht haben. Aber jetzt sind alle in der Destination Laax an Bord und wir können Vollgas geben. Die naturgegebenen Voraussetzungen, die wir haben, sind perfekt: ein Gebiet von 100 km2 und von 3000 bis 700 Metern. Das zeichnet unsere Region gegenüber anderen aus.
 
Bei den Snowboard-Angeboten mussten Sie die weiteren Akteure der Destination auch schon überzeugen. Half das für den Aufbau der Mountainbike-Angebote?
Die Snowboarder konnten wir am Anfang einfach auf den Pisten fahren lassen, die Halfpipe kam später. Für die Biker mussten wir von Beginn weg Trails bauen, die es noch nicht gab. Was wir gelernt haben: Zuerst muss die Struktur passen, dazu gehören die Gesetze, aber auch, dass die Einheimischen die neue Sportart und ihre Anhänger willkommen heissen. Mit Veranstaltungen wie Trailfox brachten wir den Einheimischen den Sport und die Leute näher. Flims wehrte sich vehement, sahen dann aber schliesslich ein, dass es funktioniert und waren fortan überzeugt.

Und jetzt setzt Laax zur Aufholjagd an?
Wir werden in den nächsten Jahren zwischen einer und drei Millionen Franken in die Mountainbike-Infrastruktur investieren, aber wir wollen niemanden kopieren, weder Lenzerheide, noch Davos, noch das Engadin. Wir werden unser eigenes Bild kreieren.

Wie soll dieses Bild aussehen?
Unser Zielpublikum sind jene, die das Spielerische suchen, den Flow. Das gilt für den Winter ebenso wie für den Sommer. Wir nutzen unseren digitalen Vorsprung, welchen wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben, um unseren Gästen ein noch besseres Erlebnis zu bieten. Falls nötig werden wir den Zugang zum Berg limitieren, wie wir das im Winter bereits machen. Wir lassen nicht so viele Leute auf die Pisten oder die Trails, dass es keinen Spass mehr macht.

Welche Mountainbike-Infrastruktur wird realisiert?
Unsere «BikeVision22» sieht drei Ausbauschritte vor: Letztes Jahr eröffneten wir den Nagens Trail, der von Velosolutions mit rein elektrischer Energie gebaut worden war – eine Weltneuheit. Weiter ist geplant, das Gebiet für Wanderer und Biker an den nötigen Stellen zu entflechten. Auch möchten wir speziell für Bike-Einsteiger und Familien ein grösseres Angebot schaffen. Auf dem Crap Sogn Gion, dem Herstück von Laax im Winter, planen wir eine neue Skill Area. Eine umfang­reiche Bahn­anbindung über das gesamte Gebiet rundet die «BikeVision22» ab. Aber gute Trails allein reichen nicht, damit die Mountainbiker wieder kommen.

Was braucht es noch?
Wie schon bei den Snowboardern braucht es die Kultur, die dazu gehört, die Community, in der sich die Mountainbiker wohl fühlen. Es braucht Szene-Treffpunkte, Restaurants mit gutem, gesundem Essen und Unterkünfte, die zu den Mountainbikern passen.
 
Wäre es nicht an der Zeit, Mittel vom Winter- aufs Sommergeschäft zu verschieben?
Das sind zwei verschiedene Produkte, die nicht in Konkurrenz zu einander stehen. Wir müssen in allen vier Jahreszeiten ein gutes Angebot haben für Gäste, die sich in der Natur bewegen wollen.

Die Skier Days sind rückläufig, die Biker Days nehmen zu. Ist das kein Grund, das Wintergeschäft zurückzufahren?
Bei kleinen Zahlen ist ein starkes Wachstum viel leichter zu erreichen. Wir verkaufen auch im Winter gut und brauchen die Masse. Ohne Masse funktioniert kein Skigebiet. Mit den Bikern verdienen wir im Moment noch kein Geld. Aber als Vier-Jahreszeiten-Destination wollen wir ihnen gute Trails bieten. Würden wir nur auf den Cashflow schauen, dann müssten wir Bankgeschäfte machen. In unserer Branche ist der Gewinn das Resultat, wenn wir einen guten Job machen und unsere Gäste zufrieden sind. Und dazu müssen wir auf sie hören und ihnen das bieten, was sie sich wünschen.

Welche Rolle spielt das Mountainbiken im Angebot der Destination Laax?
Biken ist sehr wichtig, nicht nur für uns, sondern für die gesellschaftliche Entwicklung. Früher gingen alle ans Meer, bis die Strände überfüllt waren. Durch Corona hat das eigene Land wieder mehr Faszination erhalten. Viele Leute merkten, dass die Berge auch im Sommer ihren Reiz haben. Und es kommt die Generation, die nicht mehr fliegen will. Die Ökobewegung war uns schon immer wichtig, darum haben wir bereits 2010 unser eigenes Nachhaltigkeitskonzept namens «Greenstyle» entwickelt.
 
Macht sich die Destination Laax fit für den ökologischen Tourismus?
I
ch habe auf jeden Fall keine Angst vor der Zukunft. Die Entwicklung wird weitergehen. Der Wintersport wird nicht verschwinden, man muss ihn nur so konfigurieren, dass er zu den Bedürfnissen der Leute passt. Mit Greenstyle setzen wir die Leitplanken dafür. Die Evolution des Bikesports ist toll, die Bikes werden immer besser und es macht immer mehr Spass. Wir wollen die Dynamik, das Spiel mit dem Gleichgewicht, die Harmonie, den Flow in den Vordergrund rücken. Wir wollen das Mountainbiken weiterbringen, aber auf eine eigene und nachhaltige Art ohne andere zu kopieren. Das liegt in der DNA von Laax. In meinem hohen Alter habe ich immer noch Freude daran, disruptiv zu sein. 

Reto Gurtner hat die Entwicklung der Destination Flims Laax Falera seit den Achtzigerjahren geprägt. Bis 2020 war er CEO der Weisse Arena Gruppe, dann zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück, ist aber weiterhin Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats der Gruppe.

 

 

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